Adipositas und Esssucht

Adipositas und Esssucht
Übergewicht gehört in den westlichen Ländern schon beinahe zum Alltag dazu. In Deutschland leiden etwa 16 Millionen Menschen an einem stark ausgeprägten Übergewicht. Generell bringt jeder dritte Bundesbürger zu viel auf die Waage. Auch die Weltgesundheitsorganisation hat längst Alarm geschlagen: innerhalb der letzten 20 Jahre hat sich der Anteil Übergewichtiger verdreifacht. Während ein leichtes Übergewicht meistens keine ausschlaggebenden gesundheitlichen Nachteile mit sich bringt, wächst das Risiko mit Adipositas deutlich, an schwerwiegenden Krankheiten zu erkranken. Trotz zahlreicher Ernährungstipps und Konzepte steigt die Zahl der Übergewichtigen weiter. Doch was genau steckt eigentlich hinter dem Begriff Adipositas und welche Ursachen sind an den Beschwerden Schuld?

Was ist Adipositas?

Das menschliche Gewicht kann über den BMI in Kategorien eingeteilt werden. Durch eine Formel werden Gewicht und Größe miteinander in Verbindung gebracht. Sobald der resultierende Wert die Zahl 30 übersteigt, ist von Adipositas die Rede. Bei der Formel wird das Gewicht in Kilo durch die Größe in Quadratmetern geteilt. Eine weitere Differenzierung findet zwischen den unterschiedlichen Stufen von Adipositas statt. Bei einem BMI ab 30 liegt Adipositas Grad I vor. Ab einem BMI von 35 wird von Adipositas Grad II gesprochen, ab 40 handelt es sich um den dritten Grad der Fettsucht. Dabei wird Adipositas in Deutschland nicht als Krankheit behandelt. Stattdessen gilt es als Gesundheitsstörung oder physischer Zustand. Bereits ab einem BMI von 25 wurde das Normalgewicht überschritten. Je mehr sich der Wert erhöht, desto größer sind ebenfalls weitere Gesundheitsrisiken. Dabei muss der BMI generell kritisch hinterfragt werden, weil existierende Muskeln keine differenzierte Betrachtung erhalten. Dennoch gilt er ab einem gewissen Körperumfang- und Gewicht, dass aus Fett und nicht Muskeln besteht, als zuverlässig.

Ursachen

Abseits vom Übergewicht ist jeder fünfte Deutsche von Adipositas betroffen. In der Gruppe von Kindern und Jugendlichen leiden 6 Prozent unter der Fettsucht. Dabei wächst das Übergewicht mit der Zeit nicht hinaus. Stattdessen ist häufig eine weitere Zunahme zu beobachten. Die Ursachen für Adipositas sind vielfältig. Generell muss zunächst die Ernährung kritisch beobachtet werden. Sobald dem Körper mehr Energie zugefügt wird, als er verbraucht, steigt das Gewicht. Somit ist ein Kalorienüberschuss mit mangelnder Ernährung zunächst an Übergewicht Schuld. Oft besteht die Ernährung aus viel Zucker und Fett. Betroffene weisen regelmäßig einen Ernährungsplan auf, in dem viele kurzkettige Kohlenhydrate zum Einsatz kommen, so wie sie in Fast Food, Softdrinks oder Knabbereien vorliegen. Wenn parallel zu einem solchen Ernährungsverhalten die Bewegung dahingehend zu kurz kommt, dass eine sitzende Tätigkeit ausgeübt und ansonsten kein regelmäßiges Training absolviert wird, ist die Grundlage für Adipositas oft schon gelegt.

Aber jenseits von diesen Faktoren kommen noch zahlreiche weitere in Frage. Es kann auch eine Kombination von mehreren Möglichkeiten nicht ausgeschlossen werden. So spielt vor allem die Genetik laut Wissenschaftlern eine große Rolle bei der Entstehung der Esssucht. Die Veranlagung ist dafür verantwortlich, dass Betroffene weniger Energie verbrennen, weil der Stoffwechsel zu einem großen Teil durch erbliche Komponenten bestimmt wird. Bei einem sehr niedrigen Grundumsatz ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass Übergewicht entsteht. Auch die Zunahme des Hungergefühls kann aufgrund von vererbten Merkmalen auftreten. Dabei sind hier insbesondere Regionen im Gehirn betroffen, in denen das Sättigungsgefühl reguliert wird. Gleichzeitig ist das Körpergewicht selbst an dem erhöhten Hunger beteiligt. Je mehr Kilos auf die Waage gebracht werden, desto weniger empfindlich reagieren die Insulinrezeptoren. Bei Insulin handelt es sich um Hormon, welches den Blutzuckerspiegel kontrolliert. Im Rahmen einer Insulinresistenz gelingt es dem Körper nicht mehr, den Blutzucker optimal zu verarbeiten. Stattdessen kommt es zu einem gesteigerten Hungergefühl.

Auch verschiedene Erkrankungen können Adipositas auslösen. Zu diesen gehören beispielsweise Essstörungen, wie Binge-Eating. Die Esssucht ist eine psychische Störung, die in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen auftritt. Betroffenen gelingt es normalerweise nicht, ihr Essverhalten während einer Attacke zu kontrollieren.

Stattdessen konsumieren sie große Mengen an Nahrung, ohne dass diese selektiert würde. Typisch für Binge-Eater ist es darüber hinaus, dass es ihnen unmöglich erscheint, mit dem Essen aufzuhören, ehe Bauchschmerzen, Übelkeit und Krämpfe einsetzen. Dabei treten die Anfälle normalerweise dann auf, wenn die Betroffenen alleine sind. Oft spielen hier auch Emotionen wie Frust oder Angst eine Rolle. Die Esssucht stellt die häufigste Essstörung in der Gesellschaft dar, ist jedoch trotzdem nicht vollständig erforscht. Im Gegensatz zu Bulimiekranken erstreben es Esssüchtige nicht, die großen Nahrungsmengen zu einem späteren Zeitpunkt zu erbrechen. Dementsprechend geht mit der Esssucht oft auch Übergewicht einher. Die Störung äußert sich meistens erst im fortlaufenden Alter und weniger bei Kindern und Jugendlichen. Sie kann erheblich zu der Entstehung von Adipositas beitragen. Abseits von exzessiven Essanfällen können weitere Krankheiten die Ursache für die Fettsucht darstellen. Zu diesen gehören organische Beschwerden wie eine Schilddrüsenunterfunktion. Aus einer solchen Störung ergeben sich hormonelle Probleme. Auch das Cushing-Syndrom verfügt das Potenzial, die Fettsucht auszulösen. Bei dem Cushing-Syndrom produziert der Körper zu viel Kortison oder es wird ihm von außen zugeführt. Für innere Ursachen kommen mehrere Faktoren in Frage, wie Tumore oder Störungen der Übertragung von Signalen zwischen Gehirn und Nebennierenrinde.

Medikamente, die eigentlich zur Heilung von anderen Erkrankungen eingenommen werden, können ebenfalls an der Adipositas Schuld sein. Hier sind vor allem Antibabypille, Antidepressiva, Antidiabetiker und Neuroleptika zu nennen. Diese steigern den Appetit, wodurch die betroffene Person früher oder später mehr Energie zu sich nimmt, als der Körper verwerten kann.

Das Wort "Frustfressen" ist den meisten Menschen bekannt. Es spiegelt eine weitere potentielle Ursache wider: Emotionen und psychische Empfindungen. Manche Personen neigen dazu, in bestimmten Stimmungslagen mehr zu essen. Dabei kann es sich um Langeweile handeln, aber auch um Traurigkeit, Einsamkeit, Angst, Stress oder seelische Unausgeglichenheit. Ein stressiger Alltag führt nicht automatisch zu Übergewicht. Er erhöht aber die Chance, dass Betroffene versuchen, ihre Emotionen durch Essen zu kompensieren, wodurch sie unter Umständen in eine positive Energiebilanz rutschen.

Symptome

Adipositas selbst äußert sich zunächst durch einen hohen BMI und Körperumfang. Das Gewicht wird zu einem ausschlaggebenden Teil von Fettzellen verursacht. Dabei ist Adipositas nicht nur ein kosmetisches Problem. Viel schwerwiegender sind die gesundheitlichen Auswirkungen. Diese reichen von harmloseren Erscheinungen wie vermehrtem Schwitzen bis zu Gelenkbeschwerden und einem größeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das erhöhte Gewicht stellt eine Belastung für Wirbelsäule, Hüft-, Knie- und Sprunggelenke dar. Gleichzeitig kann auch die psychische Komponente nicht ignoriert werden. Esssüchtige leiden oft unter gesellschaftlicher Ausgrenzung und einem reduzierten Selbstwertgefühl. Das gesellschaftliche Schönheitsideal vermittelt Ängste, Depressionen und Stress in sozialen Situationen für Menschen, die aus dem Rahmen fallen. Somit handelt es sich bei Adipositas ebenfalls um eine starke seelische Belastung.

Diagnose

Die Diagnose kann der Arzt meistens bereits durch das äußere Erscheinungsbild seines Patienten stellen. Behilflich ist zudem die physische Untersuchung. Zum einen werden Gewicht und BMI gemessen, zum anderen der Körperumfang bestimmt. Zusätzlich erfolgt ein ausführliches Gespräch. In diesem müssen Informationen über Essverhalten und Lebensgewohnheiten geschildert werden. Blutanalyse, Blutdruckmessungen, EKG und Ultraschall von Galle sowie Leber können ein Abbild des gesundheitlichen Zustandes liefern und Auskunft über zukünftige Risiken geben. Um die genauen Ursachen zu identifizieren, sind unter Umständen weitere Maßnahmen notwendig. So kann beispielsweise bei dem Verdacht einer Schilddrüsenunterfunktion eine zusätzliche Blutentnahme erfolgen, in der das Niveau der Schilddrüsenhormone gemessen wird.

Therapie

Die einzige Therapie bei Adipositas besteht in einer Abnahme. Dabei kommen unterschiedliche Methoden zum Einsatz, welche auf den Patienten angepasst werden sollten. Grundlage jeder Diät ist eine negative Energiebilanz. Sobald dem Körper weniger Kalorien zur Verfügung gestellt werden als er benötigt, um alle Körperfunktionen aufrecht zu erhalten, muss er sich an den Fettdepots bedienen. Dementsprechend findet bei vielen Patienten eine Ernährungsumstellung statt. Insbesondere der Konsum tierischer Fette sollte reduziert werden, um auch gesundheitliche Risiken zu senken. Darüber hinaus stellt Sport einen wichtigen Teil für eine erfolgreiche Abnahme dar. Das Training sollte regelmäßig stattfinden, um einen höheren Kalorienverbrauch zu erreichen. Ernährungsumstellung, Sport und die moralische Unterstützung von Bekannten und Freunden bringen normalerweise bereits einige Kilos zum Schmelzen. Unterstützend kann hier auch eine Verhaltenstherapie wirken. Grundlage bildet zwar immer noch eine gesunde Ernährung, eine solche Therapie hilft jedoch dahingehend, dass es Betroffenen leichter fällt, die Vorsätze konsequent anzuwenden und nicht rückfällig zu werden. Ein besonders wichtiger Aspekt ist die Selbstbeobachtung, in der Übergewichtige sich mit den Gründen für ihre Esssucht beschäftigen. Sobald diese erkannt wurden, können Ersatzhandlungen oder andere Maßnahmen zum Einsatz kommen, um das Binge-Eating einzuschränken.
Hilft eine Veränderung des Verhaltens nicht oder ist das Ausmaß des Übergewichts sehr schwerwiegend, können Ärzte sich für eine medikamentöse Behandlung entscheiden. Es existieren Medikamente, die dazu in der Lage sind, die Fettaufnahme im Darm zu reduzieren. Orlistat zum Beispiel sorgt dafür, dass sich bei einem starken Fettkonsum Blähungen und weitere Beschwerden entwickeln. Daraus resultiert normalerweise ein gemäßigteres Essverhalten.

Die letzte Möglichkeit stellen chirurgische Einsätze dar. Bei Adipositas Grad III und zusätzlichen Störungen kann das Übergewicht durch eine Operation bekämpft werden. Ziel eines solchen Verfahrens ist letztendlich die Verkleinerung des Magenvolumens. Dadurch wird zum einen der Appetit gehemmt, zum anderen gelingt die Aufnahme größerer Mahlzeiten aus physischen Gründen nicht mehr.

Vorbeugen

Übergewicht kann letztendlich vor allem durch eine gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung vorgebeugt werden. Es ist wichtig, solche Verhaltensweisen bereits Kindern vorzuleben. Der Umgang mit dem Nachwuchs sollte aktiv gestaltet werden, damit dieser sich an eine gesunde Lebensweise gewöhnt. Süßigkeiten und Softdrinks sollten immer eine Ausnahme darstellen und keine Gewohnheit. Sobald die Waage nach den Festtagen ein paar Kilo mehr anzeigt, empfiehlt es sich, diese direkt zu bekämpfen. Wird mit einer Ernährungsumstellung zu lange gewartet, kann das Übergewicht bereits stärkere Maße angenommen haben und mehr Zeit beanspruchen, um ideale Bedingungen zu erreichen.
Häufiger Stress und andere Faktoren können dafür verantwortlich sein, dass es während einer kalorienbewussten Episode zum Stillstand kommt. Dabei ist das Halten des Gewichts wichtig und sollte nicht als Grund gesehen werden, den Frust mit Nahrung zu kompensieren. Vorsicht ist ebenfalls bei Diäten geboten. Diese führen früher oder später meistens zum Jo-jo-Effekt. Trotz interessanter Versprechen ist es ratsam, auf Crash-Diäten zu verzichten und stattdessen eine dauerhafte Ernährungsumstellung anzustreben.