Magersucht

Definiert wird die Magersucht als Essstörung, die vermehrt bei jungen Menschen im Teenageralter in Erscheinung tritt. Bereits eine harmlos anmutende Äußerung, wie zum Beispiel: "Oh, hast Du zugenommen?", kann vor allem bei jungen Mädchen weitreichende Konsequenzen haben. Denn insbesondere junge Frauen und Mädchen nehmen ihren eigenen Körper zum Teil falsch wahr. In Extremfällen versuchen sie einem vermeintlichen Schönheitsideal zu folgen, wobei sie nicht mehr wahrnehmen, dass ihr Verhalten bereits in einer Essstörung, der so genannten Magersucht (Anorexie, Anorexia nervosa), mündet. Die Folge ist bei fortschreitendem Verlauf extremes Untergewicht, das durch das eigene Essverhalten gefördert wird. Durch kalorienarme Mahlzeiten sowie exzessive Sporteinheiten versuchen Betroffene das eigene Gewicht auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Abzugrenzen ist die Magersucht von der Bulimie, bei der Betroffene, die ein normales oder sogar leicht übergewichtiges Gewicht haben, ihren Körper nach Essattacken durch selbst herbeigeführtes Erbrechen bestrafen möchten.

Die Diagnose der Magersucht:

In den meisten Fällen sind es gerade nicht die jungen Frauen und Mädchen, die von sich aus medizinische Hilfe in Anspruch nehmen möchten. Vielmehr sind es Freunde und Angehörige, die den Prozess sorgenvoll begleiten. Ein erstes Anzeichen für das Vorliegen einer Essstörung besteht darin, dass Betroffene keine Einsicht für ihre Erkrankung zeigen. Dabei ist es für nahestehende Personen mitunter gar nicht so einfach, dieses heikle Thema mit Erkrankten zu besprechen, zumal jedes falsche Wort eine Verschlechterung der Ausgangssituation bedeuten könnte. Nichtsdestotrotz sollte gerade der engere Personenkreis nicht tatenlos zusehen, sondern ein vorsichtiges Vieraugengespräch suchen. Vermieden werden sollten in diesem Zusammenhang jedoch jegliche Drohungen, Ratschläge oder sogar Vorwürfe. Derartige Taktiken widersprechen dem notwendigen Fingerspitzengefühl, mit dem betroffene Mädchen aufgefangen werden sollten. Da die psychologische Komponente folglich ein entscheidendes Kriterium für den Erfolgsverlauf darstellt, sollten vor allem unsichere Personen vorab das Gespräch mit Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen oder dem Hausarzt suchen. Gerade der Hausarzt wird versuchen, das Gespräch nicht nur mit Angehörigen zu führen. Vielmehr wird er auch den Betroffenen integrieren, um ein umfassendes Persönlichkeitsbild erstellen zu können. Im Fokus stehen sicherlich Fragen zum eigenen Essverhalten sowie dem persönlichen Ziel des weiteren Gewichtsverlaufs. Der Mediziner wird aber auch die allgemeinen Lebensumstände nicht unberücksichtigt lassen, indem er sich auch intensiv mit dem individuellen Familienleben und der Situation in dem Freundeskreis auseinandersetzt. Darüber hinaus bleibt bei Frauen der Menstruationszyklus häufig aus. Sobald sich der Anfangsverdacht erhärtet, werden klassischer Weise auch psychologische Fragebögen eingesetzt.
Dadurch kann der Mediziner auch psychische Begleiterkrankungen erkennen, wobei als häufigste Ursache eine Depression infrage kommen wird. Des Weiteren ist auch die körperliche Untersuchung für eine genaue Diagnose entscheidend. In einem fortgeschrittenen Stadium wird dem Fachmann sicherlich sofort die besonders schlanke Figur des Patienten ins Auge fallen. Dementsprechend wird er sodann das genaue Gewicht sowie Körpergröße durch Messungen bestimmen. Während bei minderjährigen Patienten die BMI-Perzentilenkurven Aufschluss über eine mögliche Essstörungen geben, ist dies bei Erwachsenen der so genannte Body Maß Index. Außerdem gehören zu den körperlichen Untersuchungen auch Blutabnahmen sowie Ultraschallbilder. Das ist schon deswegen notwendig, weil der Arzt andere Ursachen für eine Gewichtsreduzierung ausschließen muss. Beispielsweise kann auch eine Erkrankung der Schilddrüse zu einer Gewichtsverlagerung führen, so dass in derartigen Fällen keine Magersucht vorliegt. Auf der anderen Seite ist der Gewichtsverlust auf eine einseitige Ernährung zurückzuführen, so dass der Mediziner eventuelle Mangelerscheinungen nicht vernachlässigen darf. Um die Analyse abschließend bewerten zu können, ist der Experte auf objektive Befundtatsachen angewiesen, exemplarisch einen genauen Essplan, der insoweit mit einem Tagebuch verglichen werden kann. Hierbei ist es besonders hilfreich, wenn Familienangehörige Freunde die Ernährungstabelle regelmäßig kontrollieren, da Betroffene häufig dazu neigen, die Werte zu manipulieren. Aus einem wahrheitsgemäß geführten Tagebuch kann der Fachmann genau ablesen, welche Mengen und vor allem welche Nahrungsmittel aufgenommen worden sind.

Ursachen der Magersucht:

In den häufigsten Fällen tritt die Magersucht während der Pubertät der Patienten auf. Zu unterscheiden ist in diesem Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen und psychologischen Faktoren. Die gesellschaftlichen Gründe werden durch das Bild bestimmt, das durch Medien transferiert wird. Demnach entsprechen schlanke Frauen dem Schönheitsideal, das in allen Belangen erfolgreicher und attraktiver ist. Dadurch verspüren gerade junge Menschen, die noch in der Selbstfindungsphase stecken, das Bedürfnis, ihr Gewicht zu reduzieren. Entwickelt sich aus diesem Verhalten jedoch eine Art Wahn, können vor allem junge Patienten das Gefühl für eine natürliche Ernährung verlieren. Die Folge ist, dass sie beginnen, ihren eigenen Körper kontrollieren zu wollen. Die Wechselfolge zwischen Sättigung und Hunger wird von ihnen bewusst ignoriert. Auch können bestimmte Berufsarten oder Sportaktivitäten den Weg in die Magersucht ebnen, insofern hierbei ein Ideal verfolgt wird. Daneben ist die Magersucht auch ein überwiegendes Problem der Pubertät. Mit der Veränderung der Lebenssituation sind einige Betroffene schlichtweg überfordert. Im jugendlichen Alter kommt bei Mädchen außerdem hinzu, dass ihr Energieverbrauch bei höherem Körperfettanteil niedriger ist. Dies können ideale Bedingungen für erste die Eltern sein, die letztendlich in einer Essstörung enden können.
Ein weiterer Grund für das veränderte Essverhalten besteht darin, dass Jugendliche ihre Kindheit nicht aufgeben möchten. Auch soll die sexuelle Entwicklung unterdrückt werden. Charakteristisch für das Verhalten von Patienten ist, dass sie oftmals introvertiert, angepasst und perfektionistisch agieren. Dabei bemerken sie häufig die nachteilige Veränderung ihres Körpers nicht. Müdigkeit und Schmerzen werden von ihnen in der Regel nicht mehr wahrgenommen. Eine weit verbreitete Ursache kann auch darin liegen, dass den Betroffenen ein traumatisches Erlebnis widerfahren ist, exemplarisch ein sexueller Missbrauch. Gefördert wird die Magersucht auch durch das Essverhalten innerhalb der eigenen Familie. Werden dementsprechend fettige und kalorienreiche Nahrungsmittel vom Speiseplan gestrichen und stattdessen lediglich der Verzehr von Gemüse und Obst präferiert, kann dies ebenfalls Auswirkungen auf die weitere Entwicklung haben. Denn gerade in jungen Jahren benötigen Menschen eine ausgewogene Ernährung, um den Körper zu entwickeln. Möglicherweise gibt es im näheren Umfeld auch Verwandte oder Freunde, die bereits an Magersucht erkrankt sind. Dadurch wird die Veranlagung zumindest gefördert.

Die Symptome der Magersucht:

Die wohl eindeutigste Symptomatik für eine Erkrankung besteht darin, dass Betroffene unter extremem Untergewicht zu leiden haben. Für die Bemessung bedienen sich Mediziner der BMI-Perzentilenkurven bei Jugendlichen und Kindern bzw. des so genannten BMI bei erwachsenen Menschen. Auffällig ist weiterhin, dass Magersüchtige ihr Körpergefühl vollständig verlieren. Obgleich ihr Gewicht zunehmend abnimmt, empfinden sie ihren Körper als zu dick. Die falsche Wahrnehmung wird insbesondere an den Hüften, am Bauch oder an den Oberschenkeln manifestiert. Hat sich die Erkrankung erst einmal ausgebreitet, werden Betroffene hier regelmäßig nicht vorhandene Problemzonen erkennen. In der medizinischen Fachsprache wird dies als Körperschemastörung bezeichnet. Da Essgestörte vor allem eine Gewichtszunahme vermeiden möchten, werden sie ihr Gewicht regelmäßig kontrollieren. Vor allem ihr Fachwissen bezüglich der Kalorien sowie der Nährwerte einzelner Speisen ist überdurchschnittlich ausgeprägt.
Vor allem das gemeinschaftliche Essen entwickelt sich zunehmend zu einer regelrechten Tortur. Die Folgen sind eine verlangsamte Nahrungsaufnahme sowie andauernde Ausreden, beispielsweise das bereits auswärts gegessen worden ist. Dadurch soll das gemeinschaftliche Speisen vermieden werden. Bemerkenswert ist allerdings, dass Betroffene ein reges Interesse daran haben, Familienangehörige mit großem Eifer zu bekochen. Ansonsten ziehen sich Patienten aus ihrem sozialen Umfeld zurück, um nicht auf den vermeintlich erkennbaren Zustand angesprochen zu werden. Das Leben wird im fortgeschrittenen Stadium von drei Themen bestimmt. Dies sind Kalorien, Essen und Gewicht. Ein weiteres Symptom ist, dass Magersüchtige ihr Hungergefühl, dass sie nach wie vor verspüren, durch perfekte Selbstdisziplin zu leugnen wissen. Ihnen gefällt die Vorstellung, ihren Körper autonom beherrschen zu können.

Die Therapie der Magersucht:

Bei einer Erkrankung ist die Therapie in der Regel das letzte Mittel, um die lebensbedrohliche Situation in den Griff zu bekommen. Mediziner, Ernährungsberater sowie Psychotherapeuten sind gefragt, um Betroffene auf ihrem Weg aus der Erkrankung zu begleiten. Da oftmals eine stationäre Aufnahme nicht mehr zu vermeiden ist, werden darüber hinaus auch Masseure, Physiotherapeuten, Sozialarbeiter, Ergotherapeuten, Pflegekräfte sowie Musik- und Kunsttherapeuten tätig. Die stationäre Behandlung ist vor allem dann nicht mehr zu umgehen, wenn das Gewicht bereits einen kritischen Stand erreicht hat. Im Anschluss wird das Ziel dann ambulant weiterverfolgt. Zeigt der Patient außerdem andere Erkrankungen, wie zum Beispiel Depressionen, werden sich Fachkräfte auch für eine stationäre Aufnahme einsetzen. Dabei spielt es mitunter keine Rolle mehr, dass der Betroffene sich gegen eine Therapie zu wehren versucht, wobei derartiges Handeln schon von Gesetzes wegen nur in Notfallsituationen vorgesehen ist. Diese liegt jedenfalls vor, wenn eine Behandlung notwendig wird, um eine lebensbedrohliche Situation aufzuhalten. Die Therapie basiert ihrerseits auf verschiedenen Elementen. Zunächst müssen die Fachkräfte dafür sorgen, das Gewicht des Betroffenen zu erhöhen, um es in den Normalbereich anzuheben. Da bereits bei der Diagnose Mangelerscheinungen überprüft werden, sollten diese unter Umständen direkt ausgeglichen werden.
In kleinen Schritten sollen Magersüchtige lernen, ihr Essverhalten wieder auf ein normales Niveau zu bringen. Dazu zählt vor allem auch die regelmäßige Nahrungsaufnahme. Erst in einem zweiten Schritt werden sodann die Erkrankung und insbesondere auch ihr Auslöser thematisiert. Die Betroffenen sollen selbst erkennen, welche Faktoren die Erkrankung letztendlich ausgelöst haben, um zukünftig Alltagstrategien zu verfolgen. Im Vordergrund steht auch die Rückfallprophylaxe, um den Zustand dauerhaft zu stabilisieren. Magersüchtige lernen ihren Körper während der Therapie ganz neu kennen. Sie sollen damit beginnen, ihn nicht länger als Feind zu betrachten. Durch die Therapie soll ihnen darüber hinaus vermittelt werden, wie sie persönliche Erfolge erleben können, ohne ihren Körper zu bestrafen. Sie lernen ihre eigenen Bedürfnisse wieder zu erkennen. Die eigenen Fähigkeiten und Stärken werden gefördert. Außerdem werden sie dahingehend begleitet, ihre Gedanken wieder nach außen transferieren zu können. Daher bietet es sich an, die Familie und Freunde in die Therapie mit einzubeziehen. Haben sich Begleiterkrankungen, wie zum Beispiel Zwänge oder Depressionen, eingestellt, wird in der Regel auch eine Medikation erfolgen, um mögliche Auslöser von vornherein zu verhindern. Die Erfolgschancen der Therapie sind in jungen Jahren sehr positiv. Tritt die Erkrankung hingegen erst im Erwachsenenalter auf, kann unter Umständen befürchtet werden, dass die Magersucht zu einem ständigen Lebensbegleiter wird.